Verfasst von: Cornelia | 14. Januar 2012

Das letzte Vesperheft

In unserer Gemeinschaft ist es üblich, dass sich Mitglieder im ersten Jahr der Formungszeit neben dem Unterricht und der sonstigen spirituellen Ausbildung sozial engagieren. Als ich aus Spanien wiederkam, stand also auch ich vor der Situation, mir in einer (damals noch) fremden Stadt ein Ehrenamt zu suchen. Nach einigem Überlegen und Hin und Her habe ich mich für die Mitarbeit bei der Bahnhofsmission entschieden. Die Bahnhofsmission Münster sieht sich selbst als niedrigschwellige Einrichtung, die „Kirche am Bahnhof“ sein will und offen ist für Menschen, die im Bahnhofsbereich Hilfe brauchen. Dabei ist sie nicht beschränkt auf bestimmte Arten von Hilfe, sondern grundsätzlich offen für jeden Hilfebedarf, den die Menschen mitbringen. Ob einer ein offenes Ohr braucht oder eine Übernachtungsmöglichkeit, ob eine Tasse Kaffee oder Hilfe beim Einsteigen in den Zug, ob eine Tasche im Zug stehen gelassen wurde oder der leere Handyakku einen Anruf zu Hause unmöglich macht – die Bahnhofsmission versucht zu helfen oder Hilfe zu vermitteln.

Gute zehn Monate habe ich jetzt regelmäßig Sechs-Stunden-Schichten geschoben. Nach anfänglichem Ausprobieren pendelte es sich bei mir auf Mittwoch und Freitag am Nachmittag ein. Und wie das so ist, nicht nur ich hatte meine „festen“ Wochentage. So ergab es sich, dass ich am Freitag sehr oft mit denselben Kollegen Dienst hatte, und mit einem von ihnen gab es öfter mal theologische Gespräche. Recht bald beschlossen wir, dass wir – so der Dienst es zuließe – auch mal gemeinsam die Vesper beten könnten, und das geschah auch. Wir beteten aus eigens aus dem römischen Brevier zusammengestellten Vesperheftchen, von denen wir meist auch eins für die anderen Kollegen liegen ließen. Manchmal hatten wir noch einen dritten Mitbeter, je nachdem, wer in der Schicht noch zum Team gehörte. Aber auch Kollegen, die nicht mitbeteten, hielten uns den Rücken frei und übernahmen für eine Viertelstunde den Kaffeeausschank und Telefondienst allein, solange keine Katastrophen hereinbrachen. Das fand ich sehr anständig, gerade von denen, die mit Kirche sonst nichts am Hut haben. Auch die Leitung der BM beobachtete unser Gebet mit Wohlwollen und bat uns lediglich, die BM, ihre Mitarbeiter und die Hilfesuchenden ins Gebet mit einzuschließen, was wir selbstverständlich taten.

Nicht immer war Zeit fürs Gebet. Oft genug gab es die „Freitagskatastrophe“, liebevoll so benannt, weil sie Freitag nach fünf in verschiedenster Gestalt hereinbrach, wenn alle Behörden geschlossen und auch manche sozialen Notdienste nicht zuverlässig zu erreichen sind. Dann kamen Menschen mit wirklichen Problemen, denen mit einem belegten Brötchen alleine nicht zu helfen war, und für die wir einiges an Kreativität und Einsatz aufbringen mussten, um ihnen zu helfen. Aber genau das war dann in diesen Momenten unser Gottesdienst, und das machte die Arbeit immer wieder spannend und gab uns oft das Gefühl, unseren Nachmittag sinnvoll verbracht zu haben.

Gestern nun war mein letzter Freitagsdienst im ersten Jahr der Formungszeit. Auch gestern gab es wieder ein Vesperheftchen, das mein Kollege zum [nicht gebotenen] Gedenktag des Hl. Hilarius (Bischof und Kirchenlehrer) zusammengestellt hatte. Aber gestern kamen wir mal wieder nicht dazu, in der BM die Vesper zu beten. Zu der entsprechenden Zeit warteten wir auf eine Dame in Rollstuhl, um ihr mittels einer Hubrampe in den InterCity zu helfen. Aber das Heftchen, das hab ich mir mitgenommen.

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