Verfasst von: Cornelia | 3. November 2013

Volontärin

„Willkommen in meinem neuen Lebensabschnitt!“, denke ich mir am Spätnachmittag gegen 17.30 Uhr und schließe die Tür meiner Zwei-Zimmer-Wohnung auf in einem Haus, in dem ich noch niemand wirklich kenne. Den riesigen Blumenstrauß aus Rosen und Astern, den ich zur Begrüßung bei der Arbeit bekommen habe, wickele ich aus dem Papier, hole meine größte Blumenvase aus dem Wohnzimmerschrank, fülle sie mit Wasser und den zwei Päckchen Wasauchimmer, die auf dem Papier kleben, und quetsche die Blumen hinein. Ohne Anschneiden; es sind zu viele. Der Strauß ziert über zwei Wochen lang das Wohnzimmer; dann sind die Rosen vertrocknet und die Astern lassen ihre Blütenblätter rieseln. Und ich bin nicht mehr ganz so neu in der Redaktion.

In den ersten Wochen ist viel passiert. Keine reine Phrase, denn es ist zumindest in einer Hinsicht mehr als das, was jede neue Arbeitsstelle mit sich bringt: Nicht jeder muss am fünften Arbeitstag morgens im Büro anrufen und vermelden, dass der Dienstwagen, den er übers Wochenende für einen Termin mithatte, erst einmal nicht zurückkommt. Dumm gelaufen, aber mir ist jemand ins parkende Auto gefahren, hat den linken Außenspiegel zerstört und den Kotflügel und die Felge dazu. Natürlich war dieses Erlebnis einschneidend, zumal zunächst kein Unfallgegner ersichtlich war (Fahrerflucht nennt das der Jurist, und jeder, der in der Fahrschule zugehört hat, weiß ja, dass er zuallermindestens einen Zettel mit seinen Daten hinterlassen muss), aber derjenige hat sich zumindest noch nachträglich bei der Polizei gemeldet.

Ansonsten tu ich das, was Journalisten tun: Ich schreibe. Und das sehr gerne, immer noch. Als Journalistin bei einer Kirchenzeitung beginne ich in einer spannenden Zeit. Was und wie sollen wir über so eine undurchsichtige Geschichte schreiben wie die, die im Bistum Limburg passiert? Und wie viel? Da gibt es völlig gegensätzliche Positionen, vermischt mit einer großen Schöpfkelle voll Nebel, und wir müssen dann so berichten, dass es dem ethischen Anspruch der wahrheitsgetreuen Information genügt, den wir selbst und unsere Leser an uns zu Recht stellen. Und egal, wie die Entscheidung am Ende ausfällt, eines war sie nicht: einfach.

Da sind mir ehrlich gesagt die normalen Termine, zu denen ich hingehe und über die ich dann schreibe, doch lieber. Eine schöne Geschichte kann auch aus wenig Stoff  bestehen, wenn man ihn nur entsprechend aufarbeitet. Ich habe jetzt die einmalige Gelegenheit, das zu üben – selbständig, aber mit jeder Hilfe, die ich brauche. Und ich hab jetzt im ersten Monat schon mehrere Artikel veröffentlicht. Krass cool.

Und nicht ganz nebenbei bin und bleibe ich eine Gottgeweihte, eine Frau mit einem geistlichen Leben. Ohne viel Vertrauen auf Gott, der mir diesen neuen Weg weist, könnte ich nicht lange bestehen. Und so beginnt, verläuft und endet mein Tag im Gebet. Ich bin nicht allein, denn auch in Stuttgart wohnt Gott. 🙂 Und das ganze Institut St. Bonifatius trägt mich natürlich auch dann mit, wenn ich etwas weiter weg bin. Manchmal verbringe ich auch ein Wochenende in Fulda mit unserer dortigen Gruppe. Da takte ich mich dann nochmal ganz gut neu ein in unseren Lebensrhythmus und genieße es, mit den anderen Zeit zu verbringen. (Auf das Leben in vollen Zügen hingegen, zumindest in denen der Deutschen Bahn, könnte ich ganz gut verzichten …)

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Responses

  1. Herzlich willkommen in Stuttgart! 🙂

    Schön zu lesen, daß Du hier gut angekommen bist und daß Dir Deine neue Arbeit Spaß macht. Ich wünsche Dir, daß das auch weiterhin so bleibt! (Und falls Dir der vollgepackte Tagesablauf einer angehenden Journalistin und das geistliche Leben irgendwann einmal eine Lücke für eine Tasse Kaffee/Tee/wasauchimmer lassen, dann melde Dich doch mal. Es gibt hier ein paar Menschen, die sich sicherlich freuen würden. 🙂 )

    • Solange es nicht das gleiche Wasauchimmer ist wie auf dem Blumenpapier, dann herzlich gern. 🙂 Wie passt es nächste Woche?

      • Um den Kommentarbereich hier nicht unnötig zu belasten: „Sie haben Post!“ 😉

  2. Kann mich dem von Toje geschriebenen nur anschliessen! 🙂
    Finde die Einblicke in dein gewähltes Leben sehr spannend, und ich stell mich mal mit meiner offenen Tür hinten an 😀 😉
    Ralle, Kutya und ich würden uns sehr freuen, dich wieder mal zu sehen!

    • Auch an Dich die Frage: Wann passt es? Und wo?

  3. Toll klingt das alles! Schön, dass du es so gut getroffen hast! Und den Spaß am Schreiben, da bin ich mir ganz schön sicher, den verlierst du niemals nicht – selbst wenn du 100 Jahre alt wirst… 🙂

    • Naja, aber wenn ich abends nach Hause komme, hab ich meistens keine Lust mehr, Briefe oder Mails zu beantworten oder zu bloggen … hab ja schließlich den ganzen Tag geschrieben. (Da braucht es dann schon ein Wochenende, dann arbeite ich aber das Meiste am Stück ab.)


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