Verfasst von: Cornelia | 6. August 2014

Wir brauchen sie. Ein Porträt.

Ich glaube, jemanden wie sie gibt es in jeder Werktagsgemeinde. Jemanden, der anders ist. Ich glaube, wenn jeden Tag in der Woche Messe gefeiert wird, das zieht diese Menschen an – sie, die fremd sind oder unangepasst, obdachlos oder mit komischen Klamotten, mit einem besonderen Verhaltensmuster oder die einfach ein bisschen riechen. In all den Städten, in denen ich gelebt habe und zur Werktagsmesse ging, gab es jemanden wie sie.

Sie kommt fast jeden Tag in die Messe. Und meistens kommt sie ein bisschen zu spät, so drei bis fünf Minuten nach Beginn. Wir sind dann beim Tagesgebet oder bei der Lesung. Sie kommt dann oft mit zwei Plastiktüten hereingeknistert, bewegt sich irgendwie laut. Man könnte sich an ihr stören. Aber ich glaube, das würde nicht in die Kirche passen, sich an denen zu stören, die anders sind. Deshalb tun wir es nicht.

Sie sucht sich einen Platz, irgendwo am Rand, wo noch etwas frei ist. Raschelnd stellt sie ihre Tüten zu ihren Füßen ab. Dann steht sie wieder auf, schlurft nach hinten, um den gesamten Bankblock herum zur anderen Seite der Kirche. Dorthin, wo an der Wand das große Kreuz ist. Dann hebt sie ihre Hand hoch zu Jesus, der am Kreuz hängt, und berührt seine Füße. Und sie redet mit ihm. Was sie sagt, versteht man nicht, denn sie spricht zu leise.

Dann schlurft sie wieder zurück, erst nach hinten, um den Bankblock herum, zurück nach vorne auf ihren Platz. Sie bemüht sich, wenn wir singen, im Gotteslob die richtige Nummer zu finden – dabei hilft ihr immer irgendjemand – und die Wörter zu verfolgen. Es fällt ihr schwer, denn sie kann nicht viel deutsch. Die Amerikanerin studiert, obwohl sie schon 45 ist, und macht in Stuttgart ihr Auslandsjahr.

Mit der Zeit haben wir viel herausgefunden über sie. Sie hat es nicht einfach im Leben. Oft weiß sie nicht, wie es weitergehen soll. Mal gibt es eine Prüfung, durch die sie durchzufallen droht. Oder sie braucht dringend einen Job, damit sie leben kann. Und manchmal ist sie nah am Verzweifeln. Aber wir brauchen sie, denn keiner von uns betet wie sie.

Bei uns gibt es so gut wie täglich freie Fürbitten. Sie haben sich etabliert in unserer Werktagsgemeinde. Viele bringen immer mal wieder, andere sehr regelmäßig ihre Anliegen zum Ausdruck. Für Bekannte, Freunde, Arme, für die Stadt und die Welt. Aber nur eine – die Fremde, die Unangepasste – traut sich, alles vorzubringen. Wenn ihr Credit Points fehlen fürs Studium – eine Fürbitte. Wenn ein Freund in den USA ein Problem hat – eine Fürbitte. Und wenn von unserer Werktagsgemeinde jemand krank ist – eine Fürbitte. Sie betet in ihrem breiten Amerikanisch, und viele von uns verstehen allenfalls Bruchstücke. Aber das macht nichts, denn wir wissen, dass sie voller Inbrunst betet. Von ihr lernen wir, was Beten heißt. Alles, alles in Gottes Hand zu legen. Nicht aufzuhören, Ihn zu bitten – wenn nötig, wochenlang jeden Tag um das Gleiche. Bis Er die Bitte erhört. Und dann zu danken.

Manchmal betet sie auch für mich. Ich bin ihr dankbar dafür, denn immer wieder zeigt sich, dass ihr Gebet viel bewirkt. Ich bin sicher, dass wir sie brauchen und sie uns. Jemanden wie sie braucht jede Werktagsgemeinde.

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