Verfasst von: Cornelia | 9. November 2014

Erinnerungen eines Kindes #Mauerspecht

Ich bin 30. Vor 25 Jahren war ich also 5. Da fiel die Mauer in Berlin. Obwohl ich also noch ein Kleinkind war, habe ich einiges durchaus wahrgenommen.

Die DDR war mir bekannt. Ab und zu tauchten, vor allem bei Omi und Opa, plötzlich unbekannte Onkels aus der DDR auf. Die kannte ich nicht, weil sie sonst nicht kommen durften. Denn aus der DDR durfte man normal nicht raus. Einer schenkte mir mal 5 Mark, und Mama und Papa bestanden darauf, dass ich mich ordentlich bedankte – obwohl ich von Omi und Opa zum Geburtstag immer viel mehr bekam. Aber 5 Mark, sagten sie, seien in der DDR unheimlich viel Geld.

Ich fuhr damals oft mit Mama in die Stadt, nach Eckernförde. Plötzlich wurden in den Geschäften dort ganz viele Sachen mit einer eingestürzten Mauer drauf verkauft . Konkret erinnere ich mich noch an Hosenträger, die ein Textilgeschäft anbot. Ich fragte Mama, was das soll. Sie sagte mir (zumindest in meiner Erinnerung): „Das ist, weil in Berlin eine Mauer umgefallen ist.“ Sicher hat sie es anders gesagt, aber das ist es, was damals bei mir ankam. Ich verstand das nicht – Mauern waren nicht dazu da, dass sie umfallen, und wenn sie es taten, dann baute man sie wieder auf und druckte sie nicht auf Hosenträger.

Auch, dass in unserem Dorf sich die Erwachsenen zum Feiern trafen, verstand ich nicht. Sicher, es gab das Dorffest, aber das war anders. Vor allem mussten wir schon ins Bett, und sie gingen abends weg. Total viel Aufregung … An dieser Mauer war doch mehr dran.

Das merkte ich dann aber auch: Denn jetzt kamen die Onkels aus der DDR öfter. Und sie brachten auch die Tante mit, die früher nie kommen durfte, obwohl sie eigentlich mit Opa verwandt war und nicht ihr Mann. Aber sie war Lehrerin, und die hatten wohl Angst, dass sie nicht zu ihren Schülern zurückwollte. Sie kamen mit lustigen Autos, die anders aussahen als unsere. Und man musste sich hinten nicht anschnallen, weil da keine Gurte waren. Ich fand das gut. Mama und Papa mochten die Autos nicht so gerne. Und wir sind nach Dänemark gefahren, alle zusammen, mit den beiden Autos. Mit unserem gab es kein Problem, wir fuhren ja öfter rüber. Aber das Auto aus der DDR kannten die an der Grenze nicht, und Mama und Papa sind schrecklich lange mit dem Onkel und der Tante verschwunden und haben mit den Grenzbeamten gesprochen.

Im Sommer ’90 haben wir uns dann auch selbst auf den Weg gemacht, in die noch bestehende DDR. Auf dem Weg sagte Papa: „Wir fahren über die grüne Grenze.“ Als ich fragte, erklärte er, dass wir nicht über einen offiziellen Grenzübergang fahren, sondern irgendwo dazwischen. Und ich weiß noch, wie ich dann fragte: „Schießen die dann nicht auf uns?“ Ich muss schon erschreckend viel gewusst haben. Was mir dann Angst machte, war Papas Antwort: „Na, ich hoffe nicht.“ Er war sich also auch nicht sicher.

Ich fand es toll in der DDR, die hatten da lustiges Geld. Es war ganz leicht, wie Spielgeld, und es gab 20-Pfennig-Stücken. Die Erwachsenen sprachen oft darüber, ob das Geld das gleiche wert war. Ich fand das DDR-Geld besser, aber die von dort wollten lieber meine D-Mark. Ich stellte aber fest, dass dort im Spielzeugladen fast nichts zu kriegen war, das ich haben wollte. Es gab keine Dinosaurier und keine Eisenbahnen. Ich glaube, ich habe mir dann einen kleinen Stempel gekauft, und Mama meinte, ich sollte nicht sagen, dass es dort nichts Schönes gibt.

Unsere Verwandten in Leipzig hatten in ihrer Wohnung kein Klo. Zusammen mit den Nachbarn hatten sie eines auf halber Treppe. Das konnte ich gar nicht richtig verstehen. Und als ich einmal die Wohnungstür von außen zuzog und keiner einen Schlüssel dabei hatte, war das kein Problem: Der Schlüssel von den Nachbarn passte auch. Praktisch.

Manches verstand ich natürlich mit 5 noch nicht. Aber die Wende mit Kinderaugen erlebt zu haben, tut mir nicht leid. Ehrlich gesagt bin ich froh, vom geteilten Deutschland und vom Kalten Krieg nicht mehr erlebt zu haben. Als Studentin ging ich in den Osten, nach Frankfurt (Oder), und ich habe gesehen, dass die Jahre der Trennung noch lange nicht überwunden sind. Aber die Menschen in Ostdeutschland haben eine Menge Werte, die man im Westen so nicht lebt. So viel Solidarität und spontane Hilfsbereitschaft habe ich sonst noch nirgends erlebt. Ich glaube, wir sollten einfach offen sein füreinander, und wir sollten nie vergessen, dass wir zusammengehören.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: