Verfasst von: Cornelia | 13. Januar 2016

Benediktinische Gastfreundschaft – eine völlig unpolitische Betrachtung

Wie es bei der Aufnahme der Gäste zugehen soll, schreibt Benedikt im Kapitel 53 seiner Klosterregel:

„Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus; denn er wird sagen: ‚Ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.'“

Alle Fremden? Alle Fremden!

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Wie Christus? Wow. Für den Benediktiner, der ja per definitionem Gott = Christus sucht, heißt das: mit Ehrfurcht, Freude, Zuvorkommenheit … Großzügig, geradezu maßlos.

„Allen erweise man die angemessene Ehre, besonders den Brüdern im Glauben und den Pilgern.“

Benedikt erlaubt einerseits keinen Unterschied – „allen“ – und dann wieder doch: „besonders den Brüdern im Glauben“ – den Christen … Diese darf man auf gar keinen Fall abweisen oder schlecht behandeln.

„Sobald ein Gast gemeldet wird, sollen ihm daher der Obere und die Brüder voll dienstbereiter Liebe entgegeneilen.“

Klingt, als wären sie sich nicht zu schade, dem Gast den Koffer zu tragen, Blasen an den Füßen zu verbinden, ihm ein Glas Wasser zu geben …

„Zuerst sollen sie miteinander beten und dann als Zeichen der Gemeinschaft den Friedenskuss austauschen. Diesen Friedenskuss darf man wegen der Täuschungen des Teufels erst nach dem Gebet geben.“

Hoppla! Auf einmal wird dem Gast ja doch eine Bedingung auferlegt: Er muss sich den Gegebenheiten vor Ort anpassen, mit den Brüdern – wie im Kloster üblich – gemeinsam beten, und dann erst wird ihm richtige Gemeinschaft angeboten: Der Friedenskuss. Und wer nicht beten (=sich nicht anpassen) will, kommt nicht in die Gemeinschaft.IMG_1829

„Allen Gästen begegne man bei der Begrüßung und beim Abschied in tiefer Demut: man verneige sich, werfe sich ganz zu Boden und verehre so in ihnen Christus, der in Wahrheit aufgenommen wird.“

Wieder die Betonung: Im Gast wird Christus aufgenommen! Was für eine Ehre für uns, wenn der Herr uns besucht!

 

“ (…) Vor allem bei der Aufnahme von Armen und Fremden zeige man Eifer und Sorge, denn besonders in ihnen wird Christus aufgenommen. Das Auftreten der Reichen verschafft sich ja von selbst Beachtung.“

Ein wenig schmunzeln lässt mich der letzte Satz. Zwar wird der Gast aufgenommen, weil es uns zur Ehre gereicht (s.o. – Christus im Gast), aber die Reichen und Bekannten sind nicht die, um die man sich dabei am kräftigsten mühen muss. Arme und Fremde, die nichts haben und vor allem Hilfe brauchen, sollen bevorzugt berücksichtigt werden. Auch, wenn sie uns vordergründig nicht nützen.

„Abt und Gäste sollen eine eigene Küche haben; so stören Gäste, die unvorhergesehen kommen und dem Kloster nie fehlen, die Brüder nicht.“

Es folgen hierauf noch einige Ausführungen darüber, wie die Aufnahme der Gäste und der gewöhnliche Klosteralltag ineinandergreifend organisiert sind. Interessant: Für den reibungslosen Ablauf des normalen Betriebs soll gesorgt sein! Das wird sogar später noch einmal deutlicher, nämlich im Kapitel 61 über die Aufnahme fremder Mönche:

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“ (…) Erweist er sich aber in der Zeit seines Aufenthalts als anspruchsvoll und mit vielen Fehlern behaftet, muss man ihm nicht nur die Aufnahme in die klösterliche Gemeinschaft verweigern, sondern man sage ihm zu dem höflich, er solle gehen, damit nicht durch seinen beklagenswerten Zustand auch noch andere verdorben werden. Verdient er jedoch nicht, weggeschickt zu werden, nehme man ihn nicht erst auf seine eigene Bitte hin als Glied der Gemeinschaft auf (…)“

Wie gesagt, völlig unpolitisch. Aber dass Benedikt ein weiser Mann war, ist ja heute eigentlich bekannt, und dass auch die Welt von seiner Ordensregel manches lernen kann, wissen nicht nur Manager … Vielleicht kann diese kurze und natürlich ausbaufähige Betrachtung einfach einen kleinen Impuls geben zum Nachdenken. Und wer will, kann ja im Kommentarbereich eine Ergänzung schreiben.

 

 

 

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